Ein-Personen-Unternehmen: Kleine Unternehmen, grosse Chancen
Dass der Grossteil der Schweizer Unternehmen Klein- und Mittelunternehmen (KMU) sind, ist nichts Neues. Interessant ist jedoch: 52.3 % aller Unternehmen – also mehr als jede zweite Firma in der Schweiz – beschäftigen genau eine Person. Gemäss KMU-HSG sind diese Unternehmen «der unterschätzte Motor» der Schweizer Wirtschaft. Doch welche Chancen und Risiken bringt die Selbständigkeit mit sich? Wir beleuchten die wichtigsten Aspekte und geben sechs Praxistipps einer selbständigen Treuhandexpertin weiter.
Warum Ein-Personen-Unternehmen immer wichtiger werden
Die zunehmende Bedeutung von Ein-Personen-Unternehmen ist kein Zufall. Die Studie zeigt drei Entwicklungen auf, die diesen Trend begünstigen:
- Arbeit wird flexibler und stärker auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten
- Der Zugang zur Selbstständigkeit und zum Unternehmertum wird einfacher
- Geschäftsmodelle entwickeln sich zunehmend weg von starren Strukturen hin zu spezialisierten und vielfältigen Angeboten
Trotz dieser Dynamik tragen Ein-Personen-Betriebe nur einen vergleichsweise kleinen Teil zur Gesamtbeschäftigung bei: Sie stehen für lediglich 5,6 % der Vollzeitstellen.
Als Vorteile von Ein-Personen-Unternehmen nennen die Autoren ihre Flexibilität, tiefe Fixkosten und kurze Time-to-Market. Das kann die Erfolgschancen deutlich erhöhen: Wer schnell am Markt ist, sichert wichtige Marktanteile und wird oft zum sogenannten «First Mover». KMU-HSG nennt aber auch die Risiken von Ein-Personen-Unternehmen: Sie wachsen oft nur begrenzt und sind stark von einzelnen Personen abhängig.
So gelingt die Selbstständigkeit: Tipps von einem Ein-Personen-Unternehmen
Wie lässt sich die Selbstständigkeit so aufbauen, dass die Vorteile eines Ein-Personen-Unternehmens voll zum Tragen kommen und typische Stolpersteine vermieden werden? Wir haben mit einer Treuhänderin gesprochen, die sich vor Kurzem selbstständig gemacht hat.
1. Authentisch sein
Gerade bei Ein-Personen-Unternehmen kaufen Kundinnen und Kunden nicht nur eine Dienstleistung, sondern auch die Person dahinter. Der Marktauftritt sollte deshalb zur eigenen Persönlichkeit passen. Überlegen Sie sich:
- Welche Werte vertreten Sie?
- Welche Probleme lösen Sie für Ihre Kundschaft
- Was unterscheidet Sie von anderen Anbietern?
Auf dieser Basis lässt sich ein klarer Markenauftritt mit Logo, Website und Social-Media-Vorlagen entwickeln. Heute stehen dafür zahlreiche Tools wie Canva, Wix oder WordPress zur Verfügung, mit denen sich auch ohne vertieftes Marketingwissen professionelle Grundlagen schaffen lassen. Alternativ können Sie eine Marketing-Agentur oder einen Freelancer beiziehen.
2. Auf Kernkompetenzen fokussieren
Gerade in der Anfangsphase ist die Versuchung gross, jeden Auftrag anzunehmen. Langfristig zahlt es sich jedoch aus, sich auf die eigenen Kernkompetenzen zu konzentrieren. Wenn ein Projekt ausserhalb Ihres Fachgebiets liegt oder eine aufwendige Einarbeitung erfordert, kann es sinnvoller sein, den Auftrag abzulehnen oder an eine geeignete Fachperson weiterzuvermitteln.
3. Ein Netzwerk aufbauen
Auch als Ein-Personen-Unternehmen muss man nicht alles alleine lösen. Der Austausch mit anderen Unternehmerinnen und Unternehmern eröffnet neue Perspektiven, fördert den Wissenstransfer und kann Kooperationen anstossen. Häufig entstehen daraus wertvolle Synergien oder Empfehlungen, von denen beide Seiten profitieren. Aufträge werden dann beispielsweise innerhalb des Netzwerks weitergegeben, wenn jemand über die passende Spezialisierung verfügt oder aktuell keine Kapazitäten frei hat. Gleichzeitig bietet ein Netzwerk die Möglichkeit, fachliche Fragen zu besprechen und sich bei Herausforderungen gegenseitig zu unterstützen.
4. Struktur schaffen und flexibel bleiben
Wer ein Ein-Personen-Unternehmen führt, übernimmt zugleich Geschäftsführung, Verkauf, Marketing, Administration und Support. Klare Strukturen helfen dabei, den Überblick zu behalten und Prioritäten zu setzen. Gleichzeitig lohnt es sich, bewusst Zeitreserven einzuplanen, denn unerwartete Kundenanfragen oder kurzfristige Aufgaben gehören zum Alltag.
5. Finanzen von Anfang an im Griff haben
Eine saubere Buchhaltung ist weit mehr als eine gesetzliche Pflicht. Sie zeigt, ob das Geschäftsmodell funktioniert, welche Leistungen rentabel sind und wo Handlungsbedarf besteht. Wer seine Finanzen von Anfang an sauber führt, schafft eine wichtige Grundlage für fundierte unternehmerische Entscheidungen. Im Treuhand-Alltag begegnen mir besonders häufig zwei Fehler:
- Die Buchhaltung wird erst beim Jahresabschluss erledigt. Dann ist es oft schwierig nachzuvollziehen, was wann und wie bezahlt wurde. Der Aufwand wird dadurch meist deutlich höher und teurer, als wenn frühzeitig Unterstützung beigezogen wird.
- Das Buchhaltungstool wird nicht richtig eingerichtet. Gewisse Grundeinstellungen lassen sich später nur schwer oder gar nicht mehr rückwirkend anpassen. Auch das führt zu unerwünschtem Mehraufwand und Mehrkosten, die sich vermeiden liessen.
6. Offen bleiben und Entscheidungen reflektieren
Niemand startet als perfekte Unternehmerin oder perfekter Unternehmer. Seien Sie offen für Feedback, holen Sie sich Rat von anderen und hinterfragen Sie Ihre Entscheidungen regelmässig. Gleichzeitig lohnt es sich, auf die eigene Erfahrung und das Bauchgefühl zu vertrauen. Gerade bei der Auswahl von Kundschaft oder Geschäftspartnern können erste Warnsignale wertvolle Hinweise liefern. Wer wichtige Entscheide noch einmal reflektiert und mit den eigenen Werten und Zielen abgleicht, trifft oft tragfähigere Wahlentscheide. Oft hilft es, einfach eine Nacht darüber zu schlafen.
Anja Wüst
Anja hat sich nach mehreren Jahren Berufserfahrung in leitenden Funktionen in den Bereichen Buchhaltung, Personalwesen und Treuhand mit ihrem Unternehmen BeTreuPlan selbstständig gemacht. Dadurch kennt sie die Herausforderungen und Fragestellungen von Gründerinnen und Gründern aus eigener Erfahrung. Als zertifizierter Swiss21 Digital Coach unterstützt sie Sie kompetent bei der Einrichtung, Anwendung und Beratung rund um die Swiss21 Applikationen.